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Alltag in der Moskauer Sklifossowski-Unfallklinik (Foto: .rufo)
Alltag in der Moskauer Sklifossowski-Unfallklinik (Foto: .rufo)
Mittwoch, 04.05.2005

Hinter den Kulissen: Im Moskauer Krankenhaus (3)

Moskau. Andrea (20), Simone (19) und Armin (20) machen ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Moskauer Krankenhaus. Sie sprachen mit aktuell.RU über ihre Arbeit, ihre Angst vor Aids und ihr Leben in Russland.

aktuell.RU: Wie war für euch der erste Kontakt mit dem Tod?

Armin: Meine erste Leiche war krass. Ich habe nicht gecheckt, was unter dem Tuch liegt, und Jacke und Rucksack einfach drauf geschmissen. Später habe ich diese Leiche dann in den Keller gebracht. Dort ist es ekelhaft. Die Leichen sind nicht zugedeckt, der Raum ist nur drei Meter breit und die Decke ganz tief- man muss geduckt gehen. Und es ist schrecklich heiß.
Andrea: Nein, das Leichenhaus ist nicht schön.

Andrea (Foto: Brixa/.rufo)
Andrea (Foto: Brixa/.rufo)
aktuell.RU: Habt ihr schon einmal mit dem Gedanken gespielt, alles hinzuschmeißen?

Armin: Nein. Am Anfang war die Vorstellung schon krass, ein ganzes Jahr zu bleiben. Aber man gewöhnt sich so schnell an alles, macht Witze über die Toten. Mit Sarkasmus lässt sich vieles ertragen. Auch hätte ich nie gedacht, dass ich Männern Katheter legen könnte. Es ist nur schmerzhaft, Leute, die lange da waren, auf die Leichenliege zu schmeißen. Die werden da richtig draufgeknallt, das ist nicht repektvoll. Auch die Augen werden nicht geschlossen, wenn wir das nicht machen. Dafür aber die Goldzähne gezählt. Viele der obdachlosen Patienten werden ja verbrannt. Die Toten werden dann mit dem Hubschrauber ins Krematorium geflogen. Der Hubschrauber ist nämlich der ganze Stolz des Krankenhauses.
Simone: Ich hab auch nie dran gedacht, aufzuhören. Ich ging in der ersten Woche voller Elan auf meine Station und wurde direkt mit Arbeit zugepackt. Ich habe gleich mit Schwerkranken und Toten gearbeitet. Und mich sofort daran gewöhnt. Auch fand ich meine neue Rolle als Trottel ganz interessant: Ich mache mir meine eigenen Gedanken und schalte vor den Schwestern auf dumm, wenn sie mich anschreien.

aktuell.RU: Wie sind die russischen Reaktionen auf euren freiwilligen Hilfsdienst?

Simone (Foto: Brixa/.rufo)
Simone (Foto: Brixa/.rufo)
Andrea: Die Russen verstehen nicht, warum wir hierher kommen. Bei den Jungs können sie das ja noch nachvollziehen- als Ersatzdienst eben. Aber wir Mädels? Freiwillig aus Deutschland weg? Da ist doch alles besser!
Armin: In Russland hat der Zivildienst auch keine Tradition. Denn hier kann man wählen: dreieinhalb Jahre Ersatzdienst oder zwei Jahre Armee.
Andrea: Und doch sind wir eine Hilfe für das Krankenhaus. Moskau hat eben kein Geld für soziale Leistungen.

aktuell.RU: Habt ihr bisher in Russland etwas Ungewöhnliches erlebt?

Armin: Ja...ich war zum Beispiel zum Skifahren mit ein paar Kumpels im Ural. In einer Stadt, deren Namen geheim ist, weil dort eine unterirdische Atomwaffenfabrik liegt. Dort gab es eine mit Kalaschnikows bewachte Schleuse und dreifachen Stacheldraht. Trotzdem stand die Stadt im Internet als offizieller Skiort! Als wir die Skier bekamen, mussten wir unsere Pässe abgeben. Und wurden bei unserer Rückkehr von der Miliz ausgefragt. Zum Beispiel: Haben die Deutschen immer noch Anspruch auf Gebiete in Kaliningrad? Plant Deutschland, Tschechien zu besetzen? Das Verhör dauerte 45 Minuten.

aktuell.RU: Sind eure Erfahrungen in Russland unterm Strich dennoch positiv?

Armin (Foto: Brixa/.rufo)
Armin (Foto: Brixa/.rufo)
Armin: Ja. Wir haben so viele Freiheiten hier. Und sind jetzt schon richtige Osteuropaexperten. Du guckst ganz tief in das Land rein, danach kennst du Russland. Das ist superinteressant. Und wo könnte man ohne Ausbildung in einem Krankenhaus in Deutschland so viel machen?
Andrea: Der Aufenthalt hier ist eine Schule fürs Leben. Damit kann man nichts falsch machen, egal, ob die positiven oder die negativen Eindrücke überwiegen.
Simone: Ich habe ganz viele Sachen, mit denen ich mich in Deutschland auseinandergesetzt habe, hier vergessen. Ich spiele kein Klavier mehr, spreche keine anderen Sprachen. Doch egal, welche Erfahrungen ich hier gemacht habe- ich habe gelernt, auch diese Sachen als wertvoll anzusehen.
Armin: Wir haben es echt gut in Deutschland, das merke ich jetzt öfter. Hier hast Du keine Sicherheiten. In Deutschland sind die Spritzen im Krankenhaus neu. Hier haben wir hinter die Kulissen geschaut und alle unsere Befürchtungen wurden bestätigt. Und doch geht es uns gut in Moskau: zum Beispiel haben wir einfach nur zum Ausgeben soviel Geld wie hier eine gelernte Krankenschwester mit Familie.

Bei Russland-Aktuell
• Ein ganz normales Moskauer Krankenhaus – von innen (Teil 1) (28.4.2005)
• Hinter den Kulissen: Im Moskauer Krankenhaus (2)
aktuell.RU: Was fehlt euch in Moskau?

Andrea: Berlin!!
Armin: Es ist schon krass hier. Unhöfliche Leute, rücksichtslose Autofahrer. Abends sind die Leute in den Clubs aggressiv. Manchmal wünsch ich mir einfach nur eine chillige Bar.
Andrea: Oder Gammeln im Park. Mit Bier in der Sonne liegen...
Simone: Mir fehlt eigentlich gar nichts. Vollkornbrot vielleicht.
Armin: Obwohl man in Moskau ja alles kaufen kann.
Andrea: Das Angebot ist einfach zu groß. Die Konsumgesellschaft hier gefällt mir gar nicht. Wieso muss es so unendlich viele Sorten Pelmeni oder Wodka geben?! Moskau ist mir außerdem zu groß und zu hektisch. Man fühlt sich verloren.
Armin: Die krassen Kontrollen nerven mich auch.
Simone: Und wegen lächerlicher Sachen! Ich saß einmal bei der Miliz, weil ich eine völlig unbefahrene Straße ohne Übergang überquert hatte. Dafür sollte ich zahlen. Ich habe dann aber gedroht, den Botschafter anzurufen, und durfte irgendwann gehen.
Armin: Ein bißchen Ordnung fehlt mir hier.
Andrea: Die Familie natürlich. Und manchmal vielleicht sogar die deutsche Mentalität.

aktuell.RU: Andrea, Simone und Armin- Vielen Dank für das Gespräch!



Das Gespräch führte Anna Brixa (aj./rufo).


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hartfeld.h 27.01.2010 - 15:25

Dr. Hermann Hartfeld

\"Unhöfliche Leute, rücksichtslose Autofahrer\".Die Leute sind im Metro, Bussen und Straßenbahnen tatsächlich nicht besonderlich höflich. Jedoch, wenn man mit ihnen ins Gespräch kommt, sind sie ganz passabel. Was ungemein störend ist, sind tatsächlich die rücksichtslosen Autofahrer. Ist man auf dem Zebrastreifen, muss man sehr vorsichtig sein, nicht überfahren zu werden. Das ist mehr als störend, aber auch lebensgefährlich. Meine Bekannte wurde überfahren und bei der Miliz wurde mir u.a. gesagt: \"Sie hätte ja aufpassen müssen!\" Von den Autofahrer fehlt bis heute jede Spur.


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