Alexej Knelz, Moskau. Aus der Traum für Moskau von den Olympischen Spielen 2012. Trotz der Enttäuschung ließen es sich die Moskauer nicht nehmen, an der Basilius-Kathedrale ihre Niederlage zu feiern.
Selten war der Rote Platz so leer: Polizeikohorten lassen keinen durch, haben Russlands Herzstück umzingelt. Grund ist die Olympia-Feier auf dem Platz hinter der Basilius-Kathedrale. Vor der Abstimmung des IOC, in welcher Welthauptstadt die Olympiade 2012 stattfinden soll, haben die Stadtväter ihren Bürgern prompt eine Bühne mit russischen Stars und Sternchen am Wassiljewskij Spusk spendiert. Auf einer Großleinwand wird das Geschehen in Singapur übertragen.
Lange Gesichter bei Moskaus Olympia-Fans (Foto: Knelz/.rufo)
„Durchs GUM geht es auch“, flüstert ein Polizeibeamter. In der Tat: Durch den ältesten Konsumpalast Russlands erreicht man das Fest innerhalb weniger Minuten. Aber auch am Ausgang des GUM stehen noch Wachen, die wie ihre Kollegen von vorhin den Zugang zum Wassiljewskij Spusk versperren.
„Du kommst zu spät“, sagt einer von ihnen, „die haben gerade im Radio durchgegeben, dass Moskau aus dem Rennen ist“. Seine Kollegen scheinen die Hiobsbotschaft kaum zu bedauern: „Na ja, wir hätten mehr gearbeitet und mehr verdient. In sieben Jahren“, stellen sie leicht enttäuscht fest. „Dafür werden wir wohl baden gehen, gemütlich Bier trinken und die Olympischen Spiele live im Fernsehen anschauen“, lachen die Ordnungshüter.
Enttäuschung kombiniert mit Fun
Pop-Star Oleg Gasmanow heizt der Menge ein (Foto: Knelz/.rufo)
Von der Radiodurchsage, dass Moskau längst aus dem Rennen ist, haben die Festveranstalter aber anscheinend nichts mitbekommen. Die Menge starrt atemlos auf den riesigen Bühnenmonitor, auf dem Jacques Rogge live aus Singapur gerade den Umschlag mit dem Namen der übernächsten Olympiastadt aufreisst. „It’s London“, sagt der Vorsitzende des Internationalen Olympischen Komitees, „Es ist London“, übersetzen die Moderatoren den Urteilsspruch. Ein Enttäuschungssäufzer rollt über den Platz.
Die Menge ist fassungslos, verwirrt, entrüstet. Schon Minuten später verlassen die ersten Schaulustigen die Festlichkeiten.
Moskaus Polizisten müssen 2012 keine Sonderschichten schieben (Foto: Knelz/.rufo)
Nicht alle haben sich jedoch von der Nachricht unterkriegen lassen. Vize-Bürgermeister Michail Mehn steht auf der Bühne und verkündet, dass das neue Olympische Dorf trotzallem gebaut wird: „Wir streuen keine Asche aufs Haupt“, sagt er pathetisch. „Irgendwann wird auch Moskau seine Olympischen Spiele kriegen“, stimmt ihm die Moderatoren zu.
Um das Publikum noch einmal in Fahrt zu bringen (oder um es ihm endgültig zu geben), bestellen die beiden Animateure den russischen Superstar Oleg Gasmanow – bekannt für seine patriotischen Texte – auf die Bühne.
Und während der Autor der Partei-Hymne des „Einigen Russland“ auf die zirka 200 Übriggebliebenen einsingt, dass er „in der UdSSR gemacht“ worden sei, beschwert sich Schenja, eine Polizistin, über die ungerechte Welt: „Die Medien sind an allem Schuld. Die haben uns erst daran glauben lassen und hinterher enttäuscht“, glaubt die junge Dame.
Unter denen, die auf dem Fest- blieben ist auch Viktoria. Die 19-Jährige ist zwar enttäuscht, aber nicht unterzukriegen: „Wir sind derb auf die Nase gefallen. Diese Olympiade hätten wir echt gebrauchen können. Wenn Moskau gewählt worden wäre, würde hier wenigsten die Atmosphäre stimmen“, sagt die Merchandiserin sorglos.
Zwei jungen Frauen ist die russische Mischung aus Jürgen Drews und Peter Maffay zuviel geworden. Sie setzen sich auf den Randstein. „So ein Pop können wir uns nicht anhören“, beschweren sich Natalia und Valeria. “Aber trotzdem war es eine Fehlentscheidung“, kritisieren sie die Abstimmung. „Moskau ist sehr gastfreundlich, sie haben echt viel verpasst und werden es noch bereuen“, lachen die beiden Schülerinnen.
Der 27-Jährige Systemadministrator ist dagegen gar nicht traurig über die Moskauer Niederlage und gibt dem Komitee völlig recht: „Diese Olympia-Geschichte war doch von Anfang an unnötig. Moskau ist jetzt schon total überbevölkert. Und es will nur ganz Russland hierher. 2012 hätte dann die ganze Welt herkommen wollen.“ Der Informatiker ist erleichtert: „Wir kamen immerhin in die enge Auswahl. Und das feier ich jetzt. Ein dickes Lob an unseren Bürgermeister“, bedankt sich Dennis.
(ali/.rufo)
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