Mittwoch, 20.10.2010

Moskaus Zentrum soll mautpflichtig werden

Am Abend gibt es täglich mehrere Stunden Stau im Moskauer Berufsverkehr (Foto: Ballin/.rufo)
Moskau. Die Stadtverwaltung will die ewigen Staus in Moskau mit Gebühren bekämpfen. Ein Vorschlag lautet, die Einfahrt ins Zentrum kostenpflichtig zu machen. So sollen die Autofahrer auf Bus und Bahn umsteigen.
Rund vier Millionen Pkw gibt es in Moskau. Zur Stoßzeit stehen sie einträchtig stundenlang im Stau. Ihre Besitzer kostet das Zeit und Nerven. Auf den öffentlichen Personennahverkehr umzusteigen, ist dennoch kaum jemand bereit.

Attraktivität von Bus und Bahn steigern


Das neue Verkehrskonzept der Stadt Moskau, vorgelegt für die Jahre 2011 – 2013, sieht daher u.a. vor, die Attraktivität von Bus und Bahn zu steigern. Für Trolley- und Autobusse sollen so spezielle Fahrspuren geschaffen werden, damit sie sich schneller bewegen können als die übrige Blechlawine auf Moskaus Straßen. Zudem sollen sie Vorfahrtsrechte an Kreuzungen bekommen.

Einige Busspuren gibt es in Moskau schon. Das bedeutet freilich nicht, dass die Busse dort immer freie Fahrt haben. All zu oft nutzen Raser – besonders VIP-Fahrzeuge mit Blaulicht - diese Spur, um den Stau zu überholen. Damit blockieren sie dann auch den öffentlichen Nahverkehr.

Einfahrt ins Zentrum wird teuer


Zudem ist der Ausbau von Busspuren nicht überall möglich. Gerade im Zentrum ist der Platz begrenzt, eine Straßenerweiterung in vielen Fällen unmöglich. Daher haben die Verkehrsplaner auch einen radikaleren Vorschlag in die Diskussion eingebracht: Wer mit seinem Pkw ins Moskauer Zentrum fahren will, soll dafür zahlen.

Strittig ist selbst bei den Verkehrsplanern noch, wo die Mautzone beginnen soll: Müssen Autofahrer innerhalb des Gartenrings zahlen, oder soll die Gebühr bereits anfallen, wenn ein Autofahrer den weiter außen liegenden Dritten Ring überfährt?

Solche Konzepte funktionieren bereits in anderen europäischen Hauptstädten: In London wird bei der Einfahrt in die City eine Gebühr von zehn Pfund Sterling fällig, in Mailand liegt die Abgabe zwischen zwei und zehn Euro.

Diskussion über Maut steht noch bevor


Wird nun also ab kommendem Jahr auch in Moskau kassiert? Nein, so schnell werde es nicht gehen, beschwichtigt ein Sprecher der Stadtverwaltung. Zunächst solle sich mit Verkehrsexperten und Vertretern der Zivilgesellschaft ausgetauscht werden.

Die Autofahrer-Lobby verspricht schon heftigen Widerstand gegen die Regelung: Moskau sei technisch gar nicht für eine Begrenzung des Verkehrs ausgerüstet, erklärte der Chef der Bewegung der Automobilliebhaber „Freiheit der Wahl“, Wjatscheslaw Lysakow: Es gebe weder ausreichend Parkplätze für diejenigen, die bereit seien auf Bus und Bahn umzusteigen, noch seien ausreichend Kameras vorhanden, um die Einfahrt der Pkw zu fixieren, sagte er.

Ja, selbst die Kapazität des Nahverkehrs ist derzeit nicht ausreichend, um die Menschenmengen zu befördern: „Wenn sich alle Autofahrer in den Bus setzen, dann steht alles“, meint Lysakow.

Autofreies Moskau nur mit modernem Nahverkehr möglich


Tatsächlich sei eine umfassende Modernisierung des Nahverkehrs nötig, stimmt Michail Blinkin vom Moskauer Verkehrsinstitut zu. Zudem müsse das Image des Nahverkehrs aufgebessert werden. Dazu müsse der Komfort in der U-Bahn, aber auch im oberirdischen Nahverkehr deutlich erhöht werden, fordert Blinkin.

Und es muss wohl auch in den Köpfen der Moskauer Klick machen, dass die U-Bahn kein Verkehrsmittel für „Verlierer“ ist. Noch gilt das eigene Auto als Statussymbol, selbst im Stau. Das Umdenken wird wohl die meiste Zeit in Anspruch nehmen.