Dienstag, 24.05.2005

Raus aus Moskau, rein nach Russland

Foto: brixa/.rufo
Moskau. Moskau ist schön, aber anstrengend. Besonders für die Großstadt - unerfahrenen Touristen. Linderung verspricht ein Ausflug an den goldenen Ring nach Sergijew Possad. Anna Brixa war mit einem Neuling unterwegs.

Die zweistündige Elektritschka-Fahrt nach Sergijew Possad beginnt am Kasaner Bahnhof und ist für jeden Touristen ein Erlebnis. Plötzlich ist man richtig „drin“ in Russland. Weit ab von den Touristenattraktionen drückt der Reisende hier mit ganz normalen Moskauern die harte Holzbank des Nahverkehrszuges.

Betrunkene Babuschka und falsche Soldaten

Auch mein Vater rutschte anfangs etwas unbehaglich darauf herum. Doch ließ er sich nicht beirren: Weder von den Schuhkremverkäufern, einer hysterisch kreischenden betrunkenen Babuschka oder dem beinamputiertem Fahrgast, der mit atemberaubender Geschwindigkeit auf seinen Armen bettelnd durch den Waggon hüpfte. Nur die traurig blickenden Jungs in Militäruniformen, die melancholische Lieder über Tschetschenien anstimmten, hielt er anfangs für echt und wollte ihnen Geld spenden.

Strahlende Zwiebeltürme

Pünktlich mit dem Einrollen unseres Zuges im Bahnhof von Sergijew Possad riss der graue Himmel auf und machte Sonnenstrahlen Platz, die die frisch renovierten Zwiebeltürme des Klosters blitzen liessen.

Ein Spaziergang in Sergijew Possad ist im Vergleich zum Abklappern der Touristen-Highlights in der hektischen Hauptstadt richtig entspannend. Ein Tipp für Fotografen: Verstecken Sie Ihre Kamera, während Sie das Kloster betreten, ansonsten kann Sie die Mitnahme 200 Rubel kosten. Auf dem Gelände selbst ist das Fotografieren erlaubt.

Akzentstudien am lebenden Moskauer

\'Foto:
Auf dem kleinen Souvenirmarkt vor dem Kloster kann sich der Tourist mit nutzlosen, aber hübsch anzusehenden Staubfängern eindecken. Während mein Vater völlig unbehelligt Matruschkas und einfältig piepende elektrische Wellensittiche betrachtete, wurde mein Freund, ein Moskauer, beim Aushandeln der Preise freundlich gefragt, wo er denn herkomme - er habe so einen interessanten Akzent.

„Ist der ein Deutscher?“

Plötzlich zupfte ein aufgeregter Verkäufer an meiner Jacke, zeigte auf meinen Vater und fragte auf russisch: „Ist er Deutscher?“ Über meine unwirsche Antwort war der Mann verwirrt. Denn der wollte keinesfalls einen Touristen ausnehmen, sondern einfach nur erwirtschaftete Euro-Münzen in einen wechselbaren Schein eintauschen.

Die ideale Tagestour

In der Nähe des Klosters gibt es eine Reihe Cafés und Restaurants, in denen man sich relativ günstig für die Rückfahrt stärken kann. Sergijew Possad ist das ideale Ziel für einen Tagesausflug. Zwar ist man abends von der ruckeligen Elektritschka-Fahrt leicht gerädert, doch die entspannte Besichtigungstour ist eine gute Gelegenheit für eine Pause vom Touristen-Marathon in der Hauptstadt.

(aj./rufo)