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Volles Haus in der Guelman-Galerie - und das auch noch nachts (Foto: Heyden/.rufo)
Volles Haus in der Guelman-Galerie - und das auch noch nachts (Foto: Heyden/.rufo)
Dienstag, 17.05.2011

Moskauer Jugendliche nehmen Galerien im Sturm

Ulrich Heyden. Moskau. Schon zum fünften Mal lief am Sonnabend die Aktion „Nacht der Museen“. Statt nachdenklicher Gesichter sah man vor allem junge Leute, die sich gegenseitig vor den Kunstwerken ablichteten.


Ballett-Tänzerinnen mit Sprengstoff-Gürteln vor blühenden Landschaften: Die großformatigen Bilder des Kiewer Künstlers Wasili Tsagalow waren für die Jugendlichen, die am Samstag Abend die Moskauer Gelman-Galerie stürmten, Anlass zur Belustigung. Mit der Kamera wurden Freunde vor den Gemälden abgelichtet. Die nachdenklichen Gesichter, die man auf Kunstausstellungen sonst sieht, suchte man an dem Ausstellungsort am Sonnabend vergebens.

Anlass des Besucher-Ansturms war die Moskauer „Nacht der Museen“, die am Wochenende bereits das fünfte Mal stattfand.

Nächtliche Besucher im Kulturzentrum Winsawod (Foto: Heyden/.rufo)
Nächtliche Besucher im Kulturzentrum Winsawod (Foto: Heyden/.rufo)
Die Galerie gehört dem international bekannten Sammler Marat Gelman und befindet sich im „Winsawod“, einem 2007 in den Hallen einer ehemaligen Wein-Fabrik gegründeten Kunst-Zentrum.

In der Nacht auf Sonntag war das Winsawod fest in der Hand von Circa-23jährigen, die geradezu süchtig schienen nach neuen Eindrücken. Alles wurde in Beschlag genommen. Der Souvenir-Shop der Galerie im ersten Stock war zeitweise wegen Überfüllung geschlossen. Dort wurden T-Shirts mit asiatischen Comic-Figuren, Teetassen mit verkehrt rum sitzenden Henkeln und Halsketten aus Plexiglas angeboten.

Comics „für umsonst“


Der Besucherstrom ergoss sich in alle Räume und Korridore. Auf besonderes Interesse stießen Comics ausländischer Künstler, die in großformatigen Abzügen und mit ins Russische übersetzten Dialogen ausgestellt wurden. „Comics sind bei uns groß im Kommen“, erklärt mir ein junger Besucher. „Aber Geld ausgeben will dafür niemand. Man holt sich die Sachen aus dem Internet oder besucht Ausstellungen. Wir Russen mögen es, Dinge ´na chaljawu´ zu bekommen“ - für umsonst also.

Im Kinosaal spricht ein Vertreter des Marvel-Comics-Verlages, der extra aus New York angereist ist. Der Mann sei auf der Suche nach neuen Talenten, erklärt der Moderator. Die Jugendlichen gucken gespannt, was der Ami zu erzählen hat.

Geheimnisvoller Mäzen


„Wir gehen jetzt zum Artplay“, meint ein junger Mann, mit dem ich ins Gespräch gekommen und schlägt vor, dass ich mitkomme. Das Artplay ist ein neues Design-Zentrum, nur fünf Minuten vom Winsawod entfernt, erzählt mir mein Begleiter. Wer das finanziere? „Das ist das große Geheimnis.“ Von seinen Veranstaltungen könne das Artplay sicher nicht leben. Offenbar wolle sich da ein reicher Mäzen ein gutes Image verschaffen.

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Das Artplay liegt direkt an einem Bahndamm. Während oben die Güterzüge rattern, sammeln sich unten neue Massen von Jugendlichen auf der Suche nach dem Wochenend-Kick.

Gleich am Eingang rechts werden in einer Kneipe, die mit russischen Comic-Bildern vollgehängt ist, Drinks gemixt. Die Leute stehen eng beieinander und sind in intensive Gespräche vertieft. Wer weiter auf das Kunst-Zentrum will, muss vorbei an drei Männern eines privaten Wachdienstes. Der Dienst heißt zwar „Rusitschi“, mit ihren blauen Uniformen und eckigen Mützen sehen die Drei aber eher aus wie Abgesandte der New Yorker Polizei.

Sündhaft teure Badewannen


In einer dichten Schlange werde ich durch die Räume des Design-Zentrums gedrängt. Niemand hat das Programm der Museums-Nacht in der Hand. Langes Blättern wäre angesichts des Gedränges auch illusorisch.

Doch wo ist die Kunst? Im Erdgeschoss geht es durch Läden mit sündhaft teuren Badewannen und HiFi-Anlagen. Dann drängt die Menge über Eisentreppen nach oben. Im Dachgeschoss läuft ein Schwarz-Weiß-Stumm-Film mit Fabrik-Arbeitern aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg. Die jungen Leute haben sich auf dem Fußboden niedergelassen. Doch das auf der Leinwand scheint eher Beiwerk. Wichtiger ist die elektronische Musik, die aus den Boxen wummert.

Währenddessen laufen in einer großen Halle atemberaubende Video-Performances mit elektronischer Musik. Nicht nur russische Video-Künstler, auch die in Insider-Kreisen bekannten Künstlergruppen „FFID collective“ und „Suka off“ aus Österreich und Polen sind gekommen. Die Feier in diesem Abschnitt des Design-Zentrums läuft unter dem Motto „Plums Fest“.

Ein volksnaher Pharao - aus Pappmachee (Foto: Heyden/.rufo)
Ein volksnaher Pharao - aus Pappmachee (Foto: Heyden/.rufo)

Ein Foto vor dem Pharao


Etwas abseits in der ersten Etage der Halle sieht man das Video-Projekt eines russischen Künstlers, einen lebensgroßen Pharao aus Pappmache. Auf den Kopf des ägyptischen Herrschers werden in schneller Folge Männer-Porträts in Schwarz-Weiß projiziert, offenbar eine Anspielung auf die Ereignisse in Nord-Afrika.

Ein Mädchen lehnt sich auf die zerbrechliche Figur, um sich im Schein der Video-Projektion von ihrer Freundin ablichten zu lassen. Nun wird der Pharao wohl zusammenbrechen, denke ich und will schon hinstürzen, um ihn zu retten. Doch wie ein Wunder überlebt der Mann aus Karton die Belastungsprobe.

Zufällig treffe ich dann Jan Kalnberzin, den Erbauer des Pharaos. Was bewegt die Jugendlichen, die zur langen Nacht der Museen ins „Artplay“ kommen?, frage ich den Mitdreißiger, der sein Geld in der Werbung verdient.

„Die interessieren sich nicht für Politik.“ Der Video-Künstler findet das nicht gut, weiß aber auch keinen Rat. Es sei schlimm. Der kostenlose Schulunterricht in Russland solle abgeschafft werden. „Aber ich weiß auch nicht was man da tun kann.“

Dieser Galerie-Besucher findet hier sein "Ersatz-Europa" (Foto: Heyden/.rufo)
Dieser Galerie-Besucher findet hier sein "Ersatz-Europa" (Foto: Heyden/.rufo)

Galerien als Fenster in die Welt


Es sind vor allem gut ausgebildete Moskauer Jugendliche, die zur „Nacht der Museen“ ins Winsavod und ins Artplay gekommen sind. Von der Welt abgeschnitten fühlen sich diese Jugendlichen nicht. Bis vor fünf Jahren hätte man noch ins Ausland fahren müssen, um zu wissen was sich in der elektronischen Musik im Westen so tut, meint ein 26jähriger mit weißem Kapuzenpullover.

Aber dank des Internets sei das heute nicht mehr unbedingt nötig. Auch was die Jugend-Mode betrifft, sei er in Moskau voll auf dem Laufenden. Und bevor er nach Europa fahren könne, müsse er überhaupt erst mal einen Auslandspass bekommen, erzählt der Kapuzen-Mann.

Die Beantragung dieses Dokuments dauere in Russland immer eine ganze Zeit. So will er bis zur ersten Reise nach Europa noch das Moskauer Nachtleben genießen.


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